Die Ästhetik des Rassismus in der Kunst
- Die Begleitung der Ästhetik mit Rassismus in den verschiedenen Erscheinungsformen der bürgerlichen und nationalistischen Ideologie tritt im 20. Jahrhundert oft als ästhetisiertes Kunstobjekt auf, was man nicht nur beim Nazi-Regime antrifft, sondern auch in den kolonialen und postkolonialen Zeiten.
ALI RIZA KILINÇ
Kunst und Ästhetik werden in der westlichen Denktätigkeit als „Experimentierraum“ angesehen, in dem die Heterogenität und Varietät im Sinne der Moderne als Kulturträger der „Anderen“ betrachtet werden. Im theoretischen Feld wird dies nicht nur positiv wahrgenommen, sondern auch in seiner historischen Lesart als Sachverhalt der ‚Autonomieästhetik‘ verstanden. Nachdem das Bürgertum in europäischen Nationen im 18. Jahrhundert Revolutionen errungen hatte, begann es seinen Klassenkampf gegen den Feudalismus vorwiegend auf der Ebene der geistigen Produktion, vor allem mit den Mitteln der Literatur und der Ästhetik.
Diese Gestaltung der Ästhetik wird im 18. Jahrhundert als „ästhetische Autonomie“ charakterisiert und im radikalen Sinne ernst genommen. In einer Hinsicht beruht dies auf dem Politischen von ästhetischer Imagination, die wiederum durch eine im 18. Jahrhundert stattfindende Ausweitung ihrer konzeptionellen Spielräume eingerichtet worden ist. Die Ästhetik der kulturellen Existenz trägt deutlich die Züge einer Individualethik. Diese unterscheidet sich von anderen Formen der Ethik vornehmlich durch die nur anratende und nicht normative Funktion der moralphilosophischen Überlegungen. In dieser historischen Veränderung taucht die Ästhetik in der Literatur und Kunst als ambivalentes Element auf, aber es ist fraglich, inwiefern sie sich auf dem Konzept der Kunstfreiheit gründet (Alt 2011: 13.ff.). Das Produkt der Kunst ist vielmehr durch die Vieldeutigkeit der Denkformen determiniert. Selbstinterpretierung und Selbstreflexion traten als ihre Strukturen in Erscheinung. Die kurz beschriebene Geschichtlichkeit der Ästhetik ist auf der einen Seite auf eine Komplexität der gesellschaftlichen Konstruktion gerichtet, die von einer modernen bürgerlichen Subjektkultur geprägt ist, auf der anderen Seite auf ein ideologisches Phänomen konstruiert, das die Entstehung der biologischen Rassentheorien kenntlich macht.
Laut George L. Mosse ist dies ein Sachverhalt einer ‚visuellen Ästhetik‘, die anknüpfend an den ‚Primitivismus‘ in der klassischen Moderne eine rassistische Struktur reproduziert (Mosse 1991: 70-110). Die Begleitung der Ästhetik mit Rassismus in den verschiedenen Erscheinungsformen der bürgerlichen und nationalistischen Ideologie tritt im 20. Jahrhundert oft als ästhetisiertes Kunstobjekt auf, das man nicht nur beim Nazi-Regime antrifft, sondern auch in den kolonialen und postkolonialen Zeiten. Im wissenschaftlichen Feld verteidigt heutzutage niemand mehr Ansichten des biologischen Rassismus. (McCarthy 2015: 28ff) Dabei ist Rassismus als Träger der kulturellen und sprachlichen Strukturen sowohl im Bereich des Politischen und Sozialen als auch in der Kunst sichtbar geworden. Die Ästhetik des Rassismus in der Kunst dient der herrschenden Ideologie, die nicht aus isolierten und voneinander getrennten Begriffen besteht, sondern vielmehr aus der Artikulation von verschiedenen Elementen, die einer bestimmten Bedeutungs-Kette folgen. (Hall 1989: 151) In der Logik der liberalen Kunstdenkform wird es daher möglich, den Rassismus-Begriff im Handlungsraum der Meinungsfreiheit spezifisch zu aktualisieren. Um den strukturellen Rassismus zu analysieren und dafür die Privilegien der weißen Mehrheitsgesellschaft bewusst zu machen, lässt sich die Kunst in die Verantwortung nehmen, eine neue Perspektive zu eröffnen. In der zeitgenössischen Kunst wurden dafür verschiedene dekonstruktive Methoden entwickelt, die zunehmend auch in der dokumentarischen Museumspraxis eingesetzt werden.
„Die Vermessung des Unmenschen: Zur Ästhetik des Rassismus“
Die Ausstellung, die im Jahr 2016 in der Dresdener Kunsthalle im Lipsiusbau unter dem Titel „Die Vermessung des Unmenschen: Zur Ästhetik des Rassismus“ stattfand, war eines der Kunstprojekte, das Rassismus mit diesem Konzept thematisiert hat.
In der Ausstellung wurde das umfassende ethnologische und anthropometrische Archiv des Völkerkundlers und Anthropologen Bernhard Struck (1888-1971) gezeigt. Diese Urkundensammlung wurde von Wolfgang Scheppe, der die Ausstellung konzipiert und realisiert hat, im Depot des Dresdner Völkerkundemuseums entdeckt. Darin werden wissenschaftliche Herleitungsversuche von Rasse präsentiert, volkstümliche rassistische Vorstellungen sind enthalten. Das Ziel dieser Ausstellung bestand darin, sowohl die Ästhetik des Rassismus als auch den Ursprung der „Rassenvorstellung“ durch Visualisierungsmethoden zu zeigen. In der Ausstellung wurden die Vermessungsdaten, Diagramme und Fotocollagen in verschiedenen Holzrahmen dargeboten. Die Ausstellung versucht, die Argumentationsgrundlage von heutigen Rassisten unter rein inhaltlichen Aspekten zu ergründen, nicht unter bloß moralischen. Der Sprachforscher und Philosoph Wolfgang Scheppe beschreibt seine These folgendermaßen: „Wir sind nach langem Studium der Auffassung, dass es sich beim Rassismus nicht um Gut und Böse handelt, sondern dass es um Richtig und Falsch zu tun ist.“ Über diese Ausstellung wurden mehrere Beiträge geschrieben, die sie überwiegend positiv betrachten. Dagegen war die Anthropologin Katharina Schramm vollkommen kritisch. Sie weist in ihrem Artikel auf die „Zusammenschau von Typologisierung und Exotisierung, Vermessung und Pornografie“ hin. Ihre Kritik markiert primär die Ästhetisierung des Rassismus, der in der Logik der Reproduktion die Rasse moralisch rekonstruiert, obwohl der Kurator mit der Dekonstruktion daraus die antirassistischen Formen herleiten wollte: „Ebenso wenig wird nachvollziehbar gemacht, wie sich die Entscheidung zu dieser Darstellung begründet. Die bereits erwähnte Sortierung der Köpfe nach Hautfarben reproduziert die angeprangerte rassialisierende Ästhetik, ohne deren kategorisierende und damit auch hierarchisierende Effekte aufzuheben – immer noch populäre Repräsentationslogiken werden vielmehr bestätigt.“**
NS Propagandabilder in der Topografie des Terrors
Eine weitere Ausstellung, in der die Ästhetik des Rassismus offensichtlich einen großen Platz eingenommen hat, geht auf die NS-Propagandabilder von der „nordischen Rasse“ zurück. Die Ende des Jahres 2017 eröffnete Foto-Ausstellung „Im Dienste der Rassenfrage“ war für die Besucher bis April 2018 in der Topografie des Terrors zu sehen.***
Die gezeigten Fotografien aus dem Werk von Walther Darré, Reichsbauernführer und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, inszenierten Idealvorstellungen der Nazis. Mit blonden, bezopften Haaren ist der Rassismus in diesen Bildern nicht nur allein als ein ästhetisiertes, ambivalentes Kunstobjekt verortet, sondern reflektiert den Rassismus vielmehr als innere Form der liberalen Ideologie in einer legitimierten Denktätigkeit, die an sich nur als relative Lesart der Freiheit zur Meinungsäußerung gesehen wird.
Der ästhetisierte Rassismus auf der Bühne
Die ästhetisierenden Spuren des Rassismus kann man auch in den anderen künstlerischen Disziplinen finden. Im Januar 2012 wurde in den sozialen Medien, besonders auf der Plattform Facebook, Kritik an dem Theaterstück „Ich bin nicht Rappaport“ geübt. Das Theaterstück, aufgeführt von Dieter Hallervorden, wurde auf der Bühne vom Schlossparktheater inszeniert. Dieter Hallervorden spielte selbst den Charakter Nat, sein Kollege Joachim Bliese übernahm die Rolle des afro-amerikanischen Midge. Die Kritik an dem Theaterstück fing bereits bei dem Plakat des Stücks an. Zu sehen waren zwei ältere weiße Männer. Bliese war mit schwarzer Schminke angemalt. Kritiker*innen, die sich als Schwarz oder afro-deutsch bezeichneten, schickten dem Theater viele Briefe und fragten sich mit zahllosen Verweisen auf weiterführende Literatur, inwieweit das sogenannte Blackfacing eine rassistische Praktik impliziert, die sich auf koloniale Ausbeutung und Versklavung bezieht.
Nach der heftigen Kritik schrieb Dieter Hallervorden auf seiner Facebook-Seite „In meiner Gedankenwelt ist absolut kein Platz für Rassismus. An keiner Stelle, zu keinem Zeitpunkt machen sich weder der Autor, noch der Regisseur und schon gar nicht Joachim Bliese über schwarze Mitbürger lustig.“**** Er hatte vollkommen Recht mit seiner Aussage. Was er nicht bemerkte, waren die überlieferten Gewohnheiten vom kulturellen, moralischen Rassismus. Blackfacing war nur ein Ergebnis der immanenten Logik zu Kolonialzeiten. In seiner Funktion kommt der Rassismus als passive Form der Ästhetisierung ins Spiel und machte die ästhetisierte Unterscheidung der Menschen in Hautfarben, die in weißen Theaterräumen doppeldeutig ist, erneut sichtbar. In der westlichen Kunstgeschichte sind die Strukturen des Rassismus so alt wie die Ausbeutungsgeschichte. Die Überlegenheit der internalisierten kulturhegemonialen Denktätigkeit und Kunstvorstellung treffen auf eine ideale definierte Körperform. Abweichungen von den von griechischen und römischen Skulpturen vorgegebenen Idealtypen, werden nicht mehr mitgedacht. Die Anthropologie und die Ästhetik dienten in europäischen kulturellen Denkformen auf den verschiedenen Ebenen, besonders in der Kunst, als Affirmation der Überlegenheit, zur Diskriminierung und Ausbeutung. In der Folge wurden Menschen anderer Länder wie Ägypten, Asien oder Afrika als weniger schön angesehen. Die Ästhetisierung des Rassismus in der Kunst ist wie ein ambivalenter Virus, der sich überall mit einer weltweiten Ausbreitung im Herzen jeder Kultur befindet. Es habe weder mit einer Gegenwirkung der Kulturen, noch mit Religionen zu tun, sondern es geht in der Tat um einen politischen und fundamentalen Klassenantagonismus. (Siehe auch Wallerstein &Balibar 1990: 23-37, 141-157)
* Probst, Carsten (16.05.2016). Ideologie und Ästhetik vereinigt. Zugriff am 20.09.2020. der Beitrag ist unter https://www.deutschlandfunk.de/die-vermessung-des-unmenschen-ideologie-und-aesthetik.691.de.html?dram:article_id=354271 angegeben.
** Schramm, Katharina (2016, September). ”Die Vermessung des Unmenschen” Zur Darstellung von Rasse und Rassismus in einer Dresdner Ausstellung“, Zugriff am 20.9.2020. der Beitrag ist unter https://www.researchgate.net/publication/308097320_Die_Vermessung_des_Unmenschen_Zur_Darstellung_von_Rasse_und_Rassismus_in_einer_Dresdner_Ausstellung angegeben.
*** Taz (2.12.2017). Die Ästhetik des Rassismus, Zugriff am 21.09.2020, der Beitrag ist verfügbar https://taz.de/Ausstellung-zu-NS-Propagandafotos/!5463510/ angegeben.
**** Nut, Harry (19.01.19). Rassismus mit Hallervorden?, Zugriff am 21.09.20. der Beitrag ist verfügbar unter https://www.fr.de/kultur/rassismus-hallervorden-11336261.html angegeben.
Alt. Peter-Andrê (2011). Die Ästhetik des Bösen, München: C.H.Beck
Hall, Stuart (1989). Ideologie, Kultur, Rassismus, Ausgewählte Schriften 1, Hamburg: Argument
Mosse, George L. (1991). Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main: Neu wissenschaftliche Bibliothek
McCarthy, Thomas (2015). Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung, Berlin: Suhrkamp
Wallerstein, Immanuel & Balibar, Êtienne (1990). Rasse, Kasse, Nation, Ambivalente Identitäten. Hamburg: Argument