Meltem Akyol / freeturkeyjournalists
Türkischer Journalist, inhaftiert für journalistische Arbeit, über das Leben in Einzelhaft
Der türkisch-kurdische Fotojournalist Nedim Türfent befindet sich seit 2 Jahren in Einzelhaft. Das Verbrechen? Journalismus. Meltem Akyol, Redakteurin bei der unabhängigen türkischen Zeitung Evrensel, spricht mit dem International Press Institute (Internationales Presse Institut, IPI) über Türfents Situation.Der Journalist Nedim Türfent hat die letzten zwei Jahre in Einzelhaft verbracht. Seiner Freiheit beraubt, sitzt er derzeit in einem Gefängnis des „Typ T“ in Van, Osttürkei. Die Dauer seiner Freiheitsstrafe beläuft sich auf insgesamt acht Jahre und neun Monate. Er muss seine Haft weiterhin allein in seiner Zelle absitzen. Dank dem Einsatz seines Anwalts hat Türfent nun aber das Recht, einen Trainingsbereich im Gefängnis zu benutzen, den er gleichzeitig mit drei weiteren Insassen betreten darf. Aufgrund seiner Tätigkeit als Journalist wird er in Einzelhaft verwahrt. Laut dem Gefängnisdirektor „würde er jeden Tag Nachrichtenartikel verfassen, wenn er in einer normalen Zelle untergebracht wäre.“ Türfent betont immer wieder, dass die Wahrheit und die JournalistInnen, die über sie schrieben, als erstes zum Opfer fielen, als der Friedensprozess in der Türkei 2014 ins Stocken geriet. Türfent schrieb uns aus seiner Gefängniszelle: „Die Dörfer und Städte an der Grenze zu Syrien waren aus journalistischer Sicht wie ausgestorben. Ich tat also mein Bestes, um den Leuten, denen sonst niemand zuhört, eine Stimme zu geben. Dies war der Grund, warum ich mich zum Journalismus berufen fühlte und warum ich Journalist geworden bin. Er bedankte sich bei seinen Unterstützern und betonte, dass er sich nicht davon abhalten lassen würde, die Wahrheit zu berichten und seinen Beruf auszuüben. „Zusammen werden wir einen Weg aus diesen dunklen Zeiten finden“, schrieb er.
„Jetzt werdet ihr die Macht der Türken spüren“
Frühling 2016. Wegen Scharfschützen wurde im Distrikt Yüksekova, Hakkâri eine Ausgangssperre verhängt. Die Provinz Hakkâri liegt im Südosten der Türkei. Ein Video, das Szenen auf einer Baustelle zeigt, hat die türkischen Medien in Aufregung versetzt. Das Video zeigt eine Sondereinheit der türkischen Sicherheitskräfte dabei, wie sie 50 Arbeiter in Handschellen legt und sie dazu zwingt, sich auf den Boden zu legen. Man sieht, wie die Sondereinheit die Arbeiter einschüchtert: „Jetzt werdet ihr die Macht der Türken spüren! Ich kenne jetzt eure Gesichter. Wer uns betrügt, muss mit den Konsequenzen rechnen. Was hat euch dieser Staat angetan? Jetzt werdet ihr die Macht der Türken zu spüren bekommen.“ Nedim Türfent war der Journalist, der über den Vorfall berichtete. Damals arbeitete er für die Dicle News Agency, die kurz nach dem versuchten Staatsstreich am 15. Juli 2016 geschlossen wurde. Nachdem Dicle den Nachrichtenbeitrag unter dem Titel „Jetzt werdet ihr die Macht der Türken spüren“ veröffentlicht hatte, begannen die Todesdrohungen gegen Türfent in den sozialen Netzwerken, die er von Mitgliedern des JİTEM (Türkischer Geheimdienst und Terrorabwehr der Gendarmerie) erhielt. Am 12. Mai 2016 wurde Türfent dann verhaftet und in Gewahrsam gebracht, als er die Stadt Van betreten wollte. Eine Zeit lang hörte man nichts von ihm. Seine KollegInnen machten sich Sorgen über seinen Verbleib und starteten eine Social-Media-Kampagne für ihn. Auch türkische Parlamentsabgeordnete mischten sich in die Affäre ein. Schließlich stellte sich heraus, dass Türfent in das Gefängnis von Yüksekova gebracht worden war und dass man ihn einen Tag nach seiner Verhaftung angeklagt hatte, ein „Mitglied in einer terroristischen Organisation“ zu sein.
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Während Sicherheitsoperationen und Auseinandersetzungen zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Milizen wurden diese Gebäude in Yüksekova beschädigt. Yüksekova, Provinz Hakkâri, Türkei, 30. Mai 2016. REUTERS/Sertac Kayar[/caption]
Während Sicherheitsoperationen und Auseinandersetzungen zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Milizen wurden diese Gebäude in Yüksekova beschädigt. Yüksekova, Provinz Hakkâri, Türkei, 30. Mai 2016. REUTERS/Sertac Kayar[/caption]
Zeugen berichten von Folter
Das Gerichtsverfahren gegen Türfent war ebenso skandalös wie die vorherige Untersuchungshaft. Die Anklageschrift gegen ihn wurde erst verfasst, nachdem er bereits für 13 Monate in U-Haft saß. Der zuständige Staatsanwalt sah in Türfents journalistischen Tätigkeiten und seinen Artikeln ausreichend Beweise, um eine Haftstrafe von über 22 Jahren zu fordern. Die Beweisgrundlage, welche der Anklageschrift zugrunde lag, bestand allein aus den Nachrichtenartikeln und Zeugenaussagen. Die Identität von vier der Zeugen blieb geheim, zwei von ihnen waren nicht zu erreichen. Zudem gab es 22 weitere Zeugen, wovon ebenfalls zwei nicht zu erreichen waren. Das erste Verfahren fand am 14. Juni 2017 statt, fünf weitere folgten. Von den 20 Zeugen berichteten 19, sie hätten ihre Aussagen unter Folter gemacht. Einige berichteten, ihnen wäre mit Vergewaltigung gedroht worden, anderen wiederum mit dem Tod. Sie baten Türfent um Vergebung. In den Gerichtsverfahren widerlegte die Verteidigung die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft, dies gelang auch durch die eigene Zeugenaussage von Türfent. Trotzdem wurde beim fünften Gerichtsverfahren am 15. Dezember 2017 Nedim Türfent zu sieben Jahren Gefängnis wegen der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ verurteilt. Dabei wurde die Verteidigung komplett ignoriert und auch der Umstand, dass alle Zeugenaussagen unter Folter erzwungen wurden spielte keine Rolle für die Staatsanwaltschaft. Später wurde die Haftdauer dann noch wegen des „Fortbestands der Tatbestände“ auf acht Jahre und neun Monate verlängert.Gericht war „verstört“ von Türfents Berichterstattung
Der Richtersenat, der Türfents Strafe von acht Jahren und neun Monaten festlegte, begründete das Urteil mit den Nachrichtenbeiträgen, die Türfent verfasst hatte. Die Richter seien „verstört“ davon gewesen. Außerdem ignorierte das Gericht die Aussagen der Zeugen, als diese berichteten, dass sie Türfent gar nicht kennen. Stattdessen stützten sie sich nur auf frühere Aussagen des Staatsanwalts. Das Gerichtsurteil stützte sich also auf die Artikel, welche Türfent über die Einsätze rund um Yüksekova geschrieben hatte. Laut dem Gericht hatte Türfent „Nachrichtenbeiträge durch übertriebene und verstörende Kommentare überspitzt (dargestellt)“.„Sie haben Angst, dass ich von meiner Zelle aus weiterberichte“
Türfent, der seit mittlerweile zwei Jahren im Gefängnis sitzt, nur weil er seine Arbeit als Journalist verrichtete, beantwortete Fragen vom Gefängnis aus durch die Hilfe seiner Anwälte. Die Anwälte hatten erhebliche Schwierigkeiten damit, die beantworteten Fragen aus dem Gefängnis zu bringen. Ein erstes Dokument, das Türfent verfasst hatte, wurde beschlagnahmt und durfte nicht an seinen Anwalt weitergegeben werden. Er beantwortete unsere Fragen also erneut und gab diese einem anderen Anwalt, dem es gelang, das neue Dokument aus dem Gefängnis zu bringen. Türfent berichtete uns von seinen Erlebnissen, insbesondere von den Erfahrungen seiner Einzelhaft. Mittlerweile hat er aber Zugang zu einem Trainingsbereich im Hof bekommen, den er gleichzeitig mit drei anderen Häftlingen betreten darf. Er darf alle zwei Monate einen Besucher empfangen und einen Telefonanruf alle zwei Wochen führen. Er muss regelmäßig an Standesappell teilnehmen und sich Leibesvisitationen unterziehen. Laut Türfents Berichten verschlimmerten sich die Umstände im Gefängnis nach Verhängung des Ausnahmezustands (2016) nochmals merklich. „Zu einem bestimmten Grad waren diese Art der Behandlung auch vor dem Ausnahmezustand schon zu spüren, aber als sich die politische Rhetorik außerhalb des Gefängnisses verschlimmerte, spiegelte sich das auch in der Situation hier drin“, schrieb er. ” „Seit mittlerweile einem Jahr bin ich in meiner Einzelzelle eingesperrt. Ich werde hier drin unter den gleichen Bedingungen gehalten wie Verbrecher, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Der Gefängnisdirektor sagt, dass ich wegen meines Berufs als Journalist nicht in einer normalen Zelle gehalten werden kann, da ich sonst jeden Tag über irgendwen einen Artikel schreiben würde.“Zwei Jahre in einer Mini-Zelle
Türfent beschreibt das Leben im Gefängnis folgendermaßen: „Von meinem Zuhause im Dorf Akalın (Bajerge) im Distrikt Yüksekova sah man über das Flachland, man sah hinab auf die tausend verschiedenen Grüntöne der Landschaft. Meine Mutter blickte immer aus dem Fenster und wenn ich die Vorhänge zuzog, dann sagte sie zu mir: ‚Sind wir hier im Gefängnis?‘.“ „Jetzt sitze ich in einem winzig kleinen Raum, mit Vorhängen aus Beton und Stahl und ich bin schon seit fast zwei Jahren hier. Und natürlich ist es schwer für einen Menschen, besten Jahre seines Lebens hinter Gittern zu verbringen. Diese Lebensphase ist das, was die Poeten den ‚Frühling‘ nennen und es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ich hier bin. Aber am Ende bin ich nur ein kleiner Ausschnitt in dem riesigen Bild der Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit, die sich hier abspielt. Egal über welche Mauer man hier auch schaut, dahinter steckt alles bis zu den Knien in Ungerechtigkeit.“
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Nedim Türfent[/caption]
Die Wahrheit, schreibt Türfent, ist das erste Opfer, wenn die Behörden anfangen, Druck auszuüben.
„Wenn der Sturm über das Land zieht, dann trifft der erste Blitz immer die Journalisten, diejenigen, die versuchen die Wahrheit ans Licht zu bringen. Und wann immer ein wenig Licht auf die Wahrheit fällt, so gibt es immer einen Preis der dafür zu bezahlen ist. Ich musste diesen Preis abwägen, dieses Opfer, dass ich für meine Arbeit als Journalist erbringen musste.“
Nedim Türfent[/caption]