They say kurds have no friends but the mountains.


Ökologie, ein durchaus interessanter und breit gefasster Begriff. Er leitet sich aus den griechischen Wörtern oikos („Haus“ oder „Haushalt“) und logos („Lehre“) ab und bedeutet so viel wie „Lehre vom Haushalt“. Der Duden bezeichnet Ökologie als „Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt; Lehre vom Haushalt der Natur“ und als „Gesamtheit der Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt; ungestörter Haushalt der Natur“. Im späten 20. Jahrhundert wurde der Terminus in seiner Bedeutung erweitert und umfasst seit je her die Begriffe Umwelt und Umweltschutz.  Damit will sich auch der vorliegende Artikel beschäftigen, allerdings nicht im konventionellen Sinne. 


Divide et impera und Sykes-Picot

Wieso werden in der Türkei so viele Staudämme gebaut? Weshalb sieht Rojava („Nordsyrien“) so trocken aus? Warum ist es 1923 nicht zu einem kurdischen Nationalstaat gekommen?

Um diese Fragen zu beantworten ist ein kurzer Rückblick in die Vergangenheit notwendig. Jahr: 1920. Ort: Vorderasien. Großbritannien und Frankreich, die zu besagtem Zeitraum beide ein Völkerbundmandat hatten, machten es sich zum Ziel Vorderasien ihren Interessen entsprechend zu formen. So wurde nach der Entdeckung großer Bodenschätze in den kurdisch besiedelten Gebieten um Mûsil (Mossul) und Kerkûk (Kirkuk) herum, quasi wie mit dem Lineal die Grenzen eines Staates, mit dem heutigen Namen Irak, gezogen. Ziel dieser künstlichen Staatsbildung war ganz nach der Devise „divide et impera“ (lateinisch für teile und herrsche) unter Anderem die Ausbeutung der Natur und ihrer Erdölvorkommnisse. So wurde ein potentielles Kurdistan aufgrund der Interessen imperialistischer und regionaler Großmächte an vorhandenen Ressourcen dividiert. Das sollte aber nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Großmächte versuchten die natürlichen Vorkommnisse der Region zu plündern und später als systematisches Kriegs- und Opressionsmittel zu instrumentalisieren.


Der Wolf im Schafsmantel

Der wirtschaftlich benachteiligte Osten der Türkei (Nordkurdistan), soll seit den 1980er Jahren im Rahmen des Südostanatolien-Projekts (türk. Güneydoğu Anadolu Projesi; GAP) laut staatlichen Angaben weiterentwickelt werden. So sollten insgesamt 22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke und Bewässerungsanlagen bis 2010 gebaut werden. Nach eigenen Angaben, soll die Türkei nach Vollendung des Projekts 28 Prozent seines Wasserpotentials kontrollieren. Von dieser „Reform“ sind vor allem kurdische Gebiete wie Semsûr, Elih, Amed, Dîlok, Mêrdîn, Sêrt, Riha und Şirnex betroffen. Der erste dieser Dämme war der Atatürk-Staudamm, er staut das Wasser des Euphrats und ist mit einer Fläche von 880 Quadratkilometern in etwa so groß wie Berlin. Der Euphrat, der längste Fluss Vorderasiens, erstreckt sich von dem Hochland Anatoliens, über Syrien bis in den Irak, wo er sich mit dem Tigris verbindet und mündet letztlich als Schatt el-Arab im Persischen Golf. Das Wasser des Tigris wiederum soll bis Ende 2016 vom Illisu-Staudamm gestockt werden. Das Projekt dient der Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen und der Stromgewinnung, soll Arbeitsplätze schaffen, den Export fördern und dem Staat somit weitere Einnahmen bringen. Zudem werden in den Regionen mehr Industrien angesiedelt. Unterstützt wurde das Projekt von deutschen Banken und Firmen in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Die sozialen, kulturellen und ökologischen Konsequenzen des Projekts haben landesweit und international lediglich auf kurdischer Seite für Aufstände gesorgt. Dabei ist das Südostanatolien-Projekt nichts Anderes als ein Wolf im Schafsmantel, denn das gesamte Vorhaben ist „[…] ökologischer Selbstmord.“ Ismail Duman, Universität Istanbul (aus: „Schätze im nassen Grab.“ (Memento vom 17. Juni 2004 im Internet Archiv). Im Zuge des Projekts sind Teile des Bewässerungsgebiets nachweislich versalzen und wurden unfruchtbar, der Wasserspiegel ist gestiegen und das fruchtbare Schwemmland hinter den Mauern der Dämme hat sich drastisch verringert. Weiterhin erodierte der anliegende Boden des Atatürk-Staudamms und drohte ihn zu verschlammen. 


Nach dem Völkermord der Kulturmord

Des Weiteren gefährden die Überflutungen die biologische Vielfalt und brachten Ökosysteme zum Verschwinden. Im Deckmantel eines Entwicklungsprojekts wurden vor allem Kurdinnen und Kurden zu Hunderttausenden enteignet und zu Binnenflüchtlingen gemacht. Der Staat nahm den, sich selbstversorgenden Familien ihre Lebensgrundlage und trieb die, ohnehin schon am Existenzminimum lebenden, Menschen an den äußersten Rand der Verzweiflung. Die vermeintlichen neuen Arbeitsplätze, die der Staat schuf, sind ausschließlich den „Gebildeten“ aus dem Westen des Landes vorenthalten. Von den neuen landwirtschaftlichen Flächen profitiert zu 70 Prozent der Staat, zu 25 Prozent die Großgrundbesitzer (Agas) und die Kleinbauern müssen sich als „Entschädigung“ mit einem mickrigen Anteil von 5 Prozent abfinden. So stahl der Staat dem kurdischen Volk erneut die Heimat und unternimmt weiterhin den Versuch sie, mittels der Vertreibung aus ihren Siedlungsgebieten, zu entwurzeln. Doch damit nicht genug, im Rahmen der türkischen Assimilationspolitik soll unteranderem Heskîf (Hasankeyf), ein historisches Kulturerbe, unter Wasser gesetzt werden. Von der Jungsteinzeit, über die römische Antike und den Völkermord an den christlichen Minderheiten 1915 bis hin zur Gegenwart versinnbildlicht dieser Ort ein ganzes Stück Menschheitsgeschichte und somit die Wurzeln der heute dort lebenden Menschen. 


Von Bakur nach Rojava

Doch nicht nur für die Einheimischen stellt die Wasserkontrolle eine Gefahr dar, sondern auch für die benachbarten Länder. So sorgen sich der Irak und Syrien darum, dass die Türkei ihnen je nach Interessensetzung den Hahn zudrehen könnte. Nicht grundlos sagte der ehemalige Staatspräsident Turgut Özal „Die anderen Staaten der Region haben Öl, wir haben Wasser.“ Schon in den 1990er Jahren kappte die Türkei unter dem Vorwand technischer Störungen den Wasserzufluss nach Syrien, um der, dort agierenden, kurdischen Arbeiterpartei PKK eine Warnung zu übermitteln. Auch heute übt die Türkei mit seiner Wasserpolitik immensen Druck auf Syrien und ganz bewusst auch auf Rojava (Nordsyrien/Westkurdistan) aus. So entziehen neben den Staudämmen und auch die Wasserentnahmeanlagen, zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen, den Flüssen die von Nordkurdistan (Osttürkei) nach Westkurdistan(Nordsyrien) fließen enorme Mengen an Wasser. Die Trinkwasserknappheit Rojavas ist allerdings polykausaler Natur. So war Rojava nach der Gründung der Arabischen Republik Syrien als Kornkammer für das gesamte Land vorgesehen. Von den Olivenhainen Efrîns bis zu den Weizenfeldern in Cîzîre. Durch die übernatürlich intensive Produktion landwirtschaftlicher Güter, wird ein immenser Anteil der knappen Ressource verschwendet. Ökologisch gesehen führte die massive landwirtschaftliche Nutzung zu großen Verlusten in Sachen biologische Vielfalt. Die Flora und Fauna Rojavas ist heute schlichtweg nicht mehr dieselbe. Aber auch aus sozialer und ökonomischer Perspektive wurden, die in dem Gebiet lebenden, Kurden gezielt auf die landwirtschaftliche Haltung von Oliven und Weizen in erster Linie, reduziert, um sie in eine reziproke Abhängigkeitsbeziehung zu verwickeln. So war Rojava sowohl auf Binnenimporte als auch -exporte angewiesen, ebenso wie der Rest Syriens. Doch damit nicht genug. Die syrische Intervention in Rojava führte zu einer Zunahme der Luftverschmutzung und Kontaminierung von Boden und Wasser. In Cizîrê wird nämlich Erdöl nicht fachgerecht raffiniert, aber auch der Transport verpestet die Umwelt. 

Seit der Revolution in Rojava nehmen die selbstorganisierten Räte diese umweltfeindlichen Problematiken in Angriff und schaffen im Rahmen des Demokratischen Konföderalismus eine demokratisch-ökologische Zivilgesellschaft mit einem ausgeprägten Umweltbewusstsein. 

Mit dem revolutionären Geist Rojavas lässt sich zum Abschluss lediglich folgendes sagen: Be a mountain!


*Amargi ist das sumerische Wort für Freiheit und bedeutet so viel wie „Rückkehr zur Mutter(-natur)“