
Unsere Familien haben einen sehr starken Einfluss auf uns. Sie sind diejenigen Menschen in unserem Leben, die uns am stärksten prägen. Die Allgegenwärtigkeit der Familie vor allem in der Kindheit und Jugend eines Menschen sorgt für ein außerordentliches Maß an Einfluss und Leitung ihrerseits gegenüber den jüngeren Familienmitglieder und vor allem den weiblichen Teil der Familie. Solch ein extrem Zentralisiertes Machtpotential aus Sicht der Älteren und Eltern gegenüber uns ist höchst beunruhigend und muss von uns (der Jugend) dringend hinterfragt und bewertet werden. Die Gefahr, dass dieses starke aus Sicht der älteren und Eltern Zentralisierte Macht - und Einflusspotential für falsche und aus unserer Sicht schädliche Intentionen genutzt wird, liegt sehr hoch. Wir sollten uns hierbei fragen, wie die Familie, so wie wir sie heute kennen, entstanden ist, weshalb eine solch starke Dominanz, Macht und Einfluss den älteren und Eltern zur Verfügung stehen, wofür sie diese nutzen und das wichtigste, welchen Einfluss diese Umstände auf uns in jeglichen Bereichen (physisch, psychisch, moralisch und geistig) hat.
Wer die Jugend beherrschte hatte eine physisch starke Anhängerschaft
Zunächst sollten wir das im Laufe der Zeit entstandene gesellschaftliche Phänomen der Familie näher betrachten. Um dieses besser beschreiben und gleichzeitig die Verbindung zu deren Ursprung leichter knüpfen zu können, möchte ich mich an einen Vergleich anlehnen. Man kann die heutige mittelöstliche Familie recht zutreffend mit dem Aufbau eines Staates als Miniaturform beschreiben. Wie im hierarchischen Staatssystem herrschen auch in der mittelöstlichen Familie gewisse hierarchische Strukturen. Wenn wir beispielsweise die extreme Vormachtstellung des Mannes/Vaters innerhalb der Familie betrachten und jegliche andere Mitglieder sich diesem unterzuordnen haben, wird dieser Vergleich mit großer Wahrscheinlichkeit für alle Leser_innen verständlicher. Wie im Staat gibt es eine oberste Instanz, die von außenstehenden immer am schnellsten akzeptiert und anerkannt wird. Die Frau und Mutter samt ihren Kindern haben sich unterzuordnen und genießen längst nicht die selbe Anerkennung, Respekt und Akzeptanz wie die des Familienvaters. Diese vorherrschenden gerontokratischen Züge innerhalb der Familien sind tief in der Geschichte verwurzelt. Schon vor Jahrtausenden wussten die „erfahrenen und älteren“ Männer, wie sie die Jugend und die Frau in der hierarchischen Gesellschaft in einer Art Abhängigkeit halten könnten. Den hierarchischen Abstieg der Frau und der Jugend in der Jahrtausende alten etatistischen Gesellschaft verwirklichte der Mann zunächst mit seiner physischen Überlegenheit und seine durch die Jagd von Tieren ausgereifte List (kurdisch: „fenekî“, türkisch: „kurnazlık“). Durch ausgeklügelte Mechanismen und der Erfahrung war er sich der Wichtigkeit und des Machtpotentials der Jugend schnell bewusst und wusste diese auch zu gewinnen. Während der ältere und männliche Teil der Gesellschaft jedoch durch Erfahrung stärker wurden, nahm auf der anderen Seite die Physische Kraft ihrerseits ab. Deshalb versuchten sie die physisch starke, dynamische, weniger erfahrene und beeinflussbare Jugend unter ihre Fittiche zu stellen. Denn wer die Jugend beherrschte hatte eine physisch starke Anhängerschaft und galt als mächtig. In folge dessen erreicht der Mann diese Machtposition einzig wegen seinem Alter und nicht durch seine Qualifikation in beispielsweise soziologischen oder gesellschaftlichen Bereichen.
Gleichberechtigung der Mutter/Frau und den Kindern ist untersagt
Wenn wir dieses Hintergrundwissen nun auf die aktuelle Zeit projizieren, dann wird der Familiäre Aufbau und deren Symbolik plausibler. Der Vater übernimmt die Repräsentanz der Familie, ist das Familienoberhaupt, welches sich um die ökonomische Existenz kümmert und wie schon gesagt die meiste Anerkennung innerhalb der hierarchischen Gesellschaft bekommt. Soziologisch und pädagogisch extrem wichtige Kernbereiche wie die Erziehung der Kinder, Empathiefähigkeit, Zeigen von Emotionen und die Gleichberechtigung sowohl der Mutter/Frau als auch den Kindern ist seitens der Gesellschaft strengstens untersagt.Die Aufgabenbereiche der Mutter/Frau sind die Erziehung der Kinder und der Haushalt. Anderlei Engagement in den Bereichen wie Politik, eigenes Arbeiten für eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit oder gar die selbe Akzeptanz und der Respekt gegenüber ihrer Meinung wie bei der des Mannes sind mehr als Fehl am Platz und werden meist in der Gesellschaft verpönt und als nicht korrekt eingestuft. Eine gute Frau und Mutter sollte sich nur der oben genannten zwei Kerngebieten (Haushalt und Erziehung) hingeben. Beispielsweise ist die Frau der einzige Mensch auf der Welt, der für seine erbrachte Tätigkeit keinerlei Gegenleistung oder Belohnung bekommt (Tätigkeit im eigenen Haushalt). Es wird als eine Selbstverständlichkeit angesehen. Dieses extrem undemokratische, gar diktatorische und ungerechte Klima hat selbstverständlich bei der Erziehung und der Entwicklung der Kinder und späteren Jugend einen sehr starken Einfluss.
Weitergabe der gesellschaftliche Rollenteillung ist ein Fehler
In solch einer hierarchischen und männerbevorzugten Realität sind die moralischen Richtlinien, die bei der Erziehung des Nachwuchses in das Kind implementiert werden mit fatalen Folgen zu berücksichtigen. Wie schon oben genannt, wurde dem Mann und der Frau über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg eine gewisse Rolle mit ihren jeweiligen Funktionen und Aufgabenbereichen vorgelebt und weitergegeben. Dass diese Werte und Moralischen Eckpfeiler versucht werden den Kindern weiter zu geben, ist eine höchst undemokratische und unrevolutionäre Fortführung der gesellschaftlichen Fehler. Ein Mädchen wird zu einer Guten Hausfrau und Mutter erzogen, die dem anderen Geschlecht sowohl physisch, als auch geistig zu gefallen hat. Sie wird niemals die selbe Akzeptanz wie beispielsweise ihr Bruder genießen und hat auch längst nicht die gesellschaftlichen Freiheiten wie die eines Mannes. Auszug aus dem Elternhaus vor einer Ehe oder gar einen Freund haben sind völlige Tabuthemen und werden seitens der Gesellschaft extrem repressiv angegangen. Eine Trennung während einer gescheiterten Ehe kommt nicht in Frage.
Ein Junge wiederum wird zu einem guten Ehemann und Vater erzogen. Die wichtigen Qualitäten für einen guten Ehemann und Vater werden ebenfalls von der über Jahrtausende hinweg verkommenen Gesellschaft aufgestellt und wurden dem Interesse des Mannes und der älteren zugeschnitten. Ein guter Ehemann zeigt sich durch ein gutes Einkommen und der totalen Kontrolle über die eigenen Familienmitglieder. Der Mann kann sich sexistische Bindungen zum anderen Geschlecht vor der Ehe erlauben, wird im Nachhinein sogar gelobt und bewundert. Die Frau dient als Trophäe. Jegliche anderweitigen soziologischen Bereiche wie das zeigen von Emotionen, das offene ansprechen dieser, eine emotionale und emphatische Bindung zu den Kindern und die Gleichberechtigung der Frau sind Gründe, um einen Mann zu verspotten und zurechtzuweisen. Der Mann leidet somit auf soziologischer und emotionaler Ebene extrem unter diesen „roboterhaften“ Erwartungen und Formungen seitens der Geschichte und der Menschen. Der Handlungsbereich beider Geschlechter ist extrem eingegrenzt.
„Beschützerinstinkt“ der Familie schwächt Selbstbewusstsein
Der überdurchschnittlich ausgeprägte „Beschützerinstinkt“ innerhalb der Familien ist auch ein sehr wichtiger Punkt, der mit diesem Faktum stark verknüpft ist. Da die Kinder und Jugend als unwissend, unerfahren und somit als nicht Entscheidungsfähig klassifiziert werden, werden selbst Entscheidungen für das Kind vorweggenommen und auf eine unverschämte Art und Weise in den Entscheidungs - und Privatbereich der Kinder eingegriffen. Kaschiert wird dieses Verhalten immer mit der Begründung des fehlenden Wissens und der Erfahrung der Kinder aus Sicht der älteren und Eltern. Begriffe wie „Grünschnäbel“ oder „Halbstark“ sind erniedrigende Propagandabegriffe, die gegen uns genutzt werden. Die hierbei entstehenden Missverständnisse, Fehlverhalten, fehlende Akzeptanz und unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen vom Leben zwischen Kind/Jugendlichen und Eltern sind ein Grund für die Fluchtergreifung und einem extrem gestörtem Charakter. Es werden sehr früh Ehen als mögliche Fluchtversuche von der Familie eingegangen, die höchst fragwürdig sind. Sehr schwache Charaktere mit einem Untermaß an Selbstbewusstsein und Widerstandsgeist sind die Folgen dieser Machtspiele innerhalb der Familien. Diese Schwächen und Defizite begleiten und belasten uns seelisch, geistig und emotional ein Leben lang.
Familie in soziologische Ketten gelegt
Nachdem nun einige Punkte der oben genannten Realitäten innerhalb der Familien angesprochen wurden ist zu entnehmen, dass alle Teile der Familie in soziologische und gesellschaftliche „Ketten“ gelegt worden sind. Das kapitalistische, hierarchische und männerfreundliche System ist in jegliche Bereiche unseres Lebens und vor allem in das der Jugend eingedrungen. Um diese Ketten zu sprängen, muss die Jugend ihrer revolutionären und aufklärenden Rolle, wie sie es schon abermals in der Geschichte getan hat, gerecht werden und sich diesen Realitäten stellen. Jegliche Machthaber in der Geschichte der Menschheit waren sich des enorm geistigen, produktiven und physischen Potentials der Jugend bewusst und hielt sie bewusst in Schach. Heute versuchen sie es, indem sie die Jugend abhängig machen oder hinhalten. Der enorme Freiheitsdrang der Jugend ist nicht ihrem physischen Alter, sondern diesem spezifischen gesellschaftlichen Druck geschuldet. Damit sich diese höchst undemokratischen Missstände innerhalb der Gesellschaft und der Familie ändern, muss man sich mit diesen Wahrheiten befassen, sich untereinander organisieren und es richtig vorleben. Die Probleme unter denen wir als Jugend zum Teil stark leiden, können nur wir selbst dechiffrieren und es für die zukünftigen Generationen richtig vorleben. Wir als Student_innen, die sich unter anderem mit diesen Gesellschaftlichen Missständen befassen versuchen, Alternativen für die aktuell missglückte Familie zu finden und diese Fehler von der Welt zu schaffen. Das hierbei entstehende Engagement sorgt für einen extrem starken Zusammenhalt unter den Jugendlichen. Während der politischen und gesellschaftlichen Arbeiten wachsen die Menschen unter anderem immer mehr zusammen, da wir alle mit ein und den selben gesellschaftlichen Problemen konfrontiert werden. Somit fühlt man sich untereinander mehr verstanden und kann als Gruppe effektiver gegen diese Probleme ankämpfen. Denn nur organisiert ist man stark und kann das volle Potential der Jugend mit ihrem unbändigen Drang nach Freiheit und Revolution ausschöpfen.