Toros SARIAN

Nach Kobanê und der Zerschlagung des IS wird über die Entwicklung in Nordsyrien in den Medien kaum noch berichtet; die Besetzung Afrins durch türkische Truppen und ihren islamistischen Verbündeten ist kein Thema mehr. Die Medien beschränken sich weitgehend darauf, über die gegenseitig verübten Gräueltaten der „Rebellen“ und der Assad-Regierung zu berichten. Die Gleichgültigkeit der westlichen Öffentlichkeit gegenüber der Entwicklung in Syrien ist vor diesem Hintergrund verständlich. Inzwischen hält niemand die islamistisch orientierten Assad-Gegner für eine glaubwürdige, demokratische Kraft. Andererseits erfährt die Öffentlichkeit nicht, dass trotz der scheinbar chaotischen Zustände in Syrien eine demokratische Alternative zu Assad und der vom Westen unterstützten „Rebellen“ existiert. Die Kurden werden trotz ihres siegreichen Kampfes gegen den IS von den Verhandlungen um eine Lösung des Konflikts in Syrien ausgeschlossen. Dabei dürfte eigentlich allen klar sein, dass ohne ihre Beteiligung keine Lösung möglich ist.

Die Revolution der Frauen in Mesopotamien

Nach der Zerschlagung des IS ist in Nordsyrien ein Prozess eingeleitet worden, der letztendlich auf den Aufbau eines neuen gesellschaftlich-politischen und ökonomischen Modells hinausläuft. Selbstverwaltung und Basisdemokratie sind dabei die zwei wesentlichen Pfeiler dieses Modells. Die Entwicklung in den nordsyrischen Kantonen kann sicherlich als eine Revolution bezeichnet werden, denn es geht dort  schließlich um eine umfassende und grundlegende Umwälzung bzw. Veränderung der bestehenden Verhältnisse. In Mesopotamien, die als eine Wiege der Zivilisation gilt, bauen die Menschen ein neues Gesellschaftsmodell auf, das über die Region hinaus als Vorbild dienen könnte. Es werden neue, demokratische Verwaltungsstrukturen aufgebaut, das gleichberechtigte Zusammenleben der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen sichergestellt und die Rechte der Frauen durchgesetzt. Gerade dies ist für die Menschen in der Region eine völlig neue Erfahrung, denn stets führten die Frauen in der patriarchalischen Gesellschaftsordnung ein weitgehend rechtloses, den Männern untergeordnetes Leben.

Bei der radikalen Neugestaltung der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse in den selbstverwalteten Kantonen Nordsyriens haben die Frauen eine wichtige Rolle übernommen. Ihr Selbstbewusstsein hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sie an vorderster Front im Kampf gegen den IS teilgenommen haben. Die 2013 als militärischer Verband innerhalb der YPG (Volksverteidigungseinheiten) gegründete YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) symbolisiert nicht nur die Entschlossenheit der Frauen Mesopotamiens, die vielfältigen Formen ihrer Unterdrückung zu beseitigen, sondern auch ihre Fähigkeit autonome militärische Strukturen aufzubauen, um die unter großen Opfern erkämpften Freiheiten und Errungenschaften zu verteidigen. Inspiriert vom Kampf der kurdischen Frauen haben inzwischen auch arabische und assyrische Frauen eigene Kampfverbände aufgebaut und sich autonom organisiert.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben den Frauen in Mesopotamien gelehrt, dass ihre Befreiung nur gemeinsamen und organisiert durchgesetzt werden kann. Ausgehend von dieser einfachen Erkenntnis, haben sie unter schwierigsten Bedingungen einen erfolgreichen Kampf geführt und sind heute dabei ihre Utopie zu verwirklichen. In Mesopotamien, dessen lange Geschichte bislang von Männern geschrieben wurde, haben Frauen angefangen, ihren Teil der Geschichte zu schreiben. Zum ersten Mal sind sie an der Gestaltung der Entwicklung des Landes und der Gesellschaft beteiligt; sie sind selbstbewusst, organisiert und verfügen über militärische Kenntnisse und Erfahrungen; sie sind in der Lage, die unter großen Opfern hart erkämpften Freiheiten zu verteidigen.

Das Frauendorf Jinwar

Inzwischen gibt es zahlreiche, von ihnen aufgebaute Projekte und Aktivitäten in verschiedenen Bereichen. Vor allem beim Wiederaufbau der zerstörten Wirtschaft spielen Frauen eine bedeutende Rolle. Ein besonderes Projekt ist ein gemeinsam von kurdischen und arabischen Frauen initiiertes Projekt unweit der türkischen Grenze. Aus verschiedenen Orten stammende Frauen bauen dort seit zwei Jahren ein neues Dorf auf. In dem aus 30 Häusern bestehende Dorf Jinwar werden Frauen, die unter den patriarchalischen Verhältnissen viel gelitten haben, die unter der Herrschaft der Islamisten unbeschreibliche Grausamkeiten ausgesetzt waren und Kriegswitwen ein selbstverwaltetes Leben frei von Männergewalt und Herrschaft führen können.

Das Frauendorf Jinwar ist ein Modell für unterdrückte Frauen in anderen Teilen der Welt. Es ist auch deshalb wichtig, die Öffentlichkeit über den Kampf der Frauen Mesopotamiens aufzuklären, weil sie bewiesen haben, dass auch in einer zutiefst patriarchalischen, rückständigen und islamisch geprägten Gesellschaft radikale Veränderungen möglich sind. Eine Tatsache, die nicht nur die Reaktionäre in der Region beunruhigt, sondern auch ihre westlichen „Partner“.